Zwischenruf – 4. Dezember 2011, 6.55, Ö1

06 12 2011, 10:06

Kennen Sie jemanden, der freiwillig ins Gefängnis geht?
Ich schon. Ich habe vor ein paar Tagen an einem Seminar teilgenommen.
Das Thema war „Reden und Hören im Gefängnis“. Ich habe da verschiedene Frauen und Männer kennengelernt, die tatsächlich freiwillig ins Gefängnis gehen. Ein ehemaliger Eisenbahner, ein Diplomingenieur, eine pensionierte Pfarrerin machen  Besuche bei Menschen, mit denen sie nicht verwandt oder bekannt sind. Sie reden dort mit Betrügerinnen, mit Drogendealern, aber auch mit Mördern. Sie  hören  zu, welche Probleme die Menschen im Gefängnis haben. „Soll ich mit meinem Freund Schluss machen?“ „Werde ich noch Arbeit finden, wenn ich rauskomme?“ „Wie schaffe ich es, mir ein neues Leben aufzubauen?“
Das sind alles keine Fragen, auf die es einfache und schnelle Antworten gibt. Darüber zu reden, das braucht viel Zeit und Geduld. Es braucht gute Ohren zum Zuhören und ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen.
Manchmal kann mit der Zeit Vertrauen wachsen, so dass die Besucher und Besucherinnen zu wichtigen Ansprechpartnern werden.
Aber es kann auch passieren, dass man enttäuscht wird. Dass es Rückschläge gibt, weil manche Gefangene es gar nicht gewohnt sind, dass Ihnen ein Vertrauensvorschuss entgegengebracht wird.
 Ich habe hohen Respekt vor diesen Freiwilligen. Ihr Engagement wird in unserer Gesellschaft meistens nicht sehr wertgeschätzt, anders als etwa die Arbeit bei der Feuerwehr oder beim Roten Kreuz. Das Gefängnis ist kein Ort, wo man sich der Anerkennung und Bewunderung sicher sein kann.
Das Gefängnis ist für die meisten Menschen ein dunkler Ort, mit dem man möglichst wenig zu tun haben will.  In den Medien sind Straftäter so lange ein Thema, bis es zum Prozess kommt. Wenn das Urteil einmal gesprochen ist, ist der Fall in der Regel abgehakt. 5 Jahre, 10  Jahre, lebenslang – was bedeutet das konkret? Wie sieht das Leben für die Verurteilten während dieser Zeit aus? Sollen Mörder eine Chance bekommen, ein neues Leben zu beginnen? Welche Unterstützung sollen sie dafür bekommen? Wie groß ist das Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft?
Bei diesen Fragen geht es um Grundsätzliches. Es geht um das Menschenbild. Die Forderung nach Wegsperren mag zwar populär sein, hilft hier aber nicht weiter. Gefangene haben Bedürfnisse nach Begleitung und Zuwendung, sie brauchen jemanden, der ihnen für ihr Leben neue Perspektiven eröffnet.
An diesem Punkt knüpft die Arbeit der hauptamtlichen und ehrenamtlichen Gefängnisseelsorge an. Es geht darum, die Gefangenen als Menschen, als Gottes Geschöpfe wahrzunehmen und ihnen entsprechend zu begegnen.
„Reden und Hören im Gefängnis“. Dieses Seminar hat mich staunen lassen, was da alles möglich ist:  Gesprächsrunden über biblische Texte, Trommelworkshops, Filme, die Gefangene über ihre Situation machen.
Das Gefängnis ist nicht nur ein dunkler Ort der Bestrafung. Das Gefängnis ist ein Ort des Lebens unter besonderen Bedingungen.
Das Leben im Gefängnis spielt sich zwischen Warten und Hoffen, zwischen Resignieren und Aufbrechen, zwischen Weinen und Lachen ab.  Jeder und jede trägt ein eigenes Paket mit sich herum. Meistens wiegt es ziemlich schwer.  Viele Gefangene sind dankbar dafür, wenn es jemanden gibt, der oder die ihnen hilft, dieses Paket zu tragen.
„Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr habt mich besucht.“
Viele Haftentlassene in Österreich können diesem Satz aus der Bibel zustimmen, dank der Arbeit der Gefängnisseelsorge.  Die Begleitung, das Tragen der Pakete geht ja  nach der Entlassung weiter. Die lang ersehnte Freiheit erweist sich oft auch als eine große Hürde für die Träume und Visionen von einem neuen Leben.

„Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr habt mich besucht.“
Diesen Satz hat  einer geprägt, auf dessen Ankunft viele in dieser Adventzeit warten. Er war davon überzeugt, dass einmal Gefallene  Gottes Geschöpfe bleiben und alle Menschen auf Zuwendung angewiesen sind.


Morgengedanken - Vom Festhalten und Loslassen

07 09 2011, 0:05

Sonntag, 28.8. 2011

Die Sommer- und Urlaubszeit geht langsam dem Ende zu. Als es noch keine Digitalkameras gab, waren das die Tage, als ich meine Urlaubsfotos zum Entwickeln gebracht und gespannt darauf gewartet habe, ob sie mir gut gelungen sind. Seitdem ich digital fotografiere, fällt diese Wartezeit weg und ich habe viel mehr Urlaubsfotos als früher. Aber warum ist es mir eigentlich so wichtig, im Urlaub und auf Reisen zu fotografieren?
Ich möchte liebe Menschen, schöne Momente,  faszinierende Orte für mich festhalten.
Es fällt mir schwer,  den wunderschönen Blick  über die Berge  wieder loszulassen.
Ich kann mich nicht von dem romantischen Sonnenuntergang über dem Meer trennen.
Ich möchte nicht, dass mir diese Erinnerungen verlorengehen, ich möchte sie wieder abrufen können, wenn ich mir die Bilder später einmal anschaue.
Fotografieren ist in diesem Sinn ja eine Art Protest gegen die Vergänglichkeit von uns Menschen und dieser Welt. 
Manche Menschen sind mit dem Festhalten durch das Fotografieren so beschäftigt, dass es ihnen schwer fällt, besondere Momente ohne den Finger an der Kamera zu genießen.  
Der Wunsch, Schönes festzuhalten ist manchmal stärker als die Dankbarkeit, das Schöne in Wirklichkeit zu sehen.
Aber gerade die Dankbarkeit kann mich vor dem Zwang bewahren, alles festhalten zu müssen.
Ich wünsche uns, dass es uns gelingt, in Momenten des Glücks dankbar dafür zu sein, dass wir sie erleben dürfen. Ich wünsche uns, dass auch beim Anschauen von Urlaubsfotos diese Dankbarkeit im Vordergrund stehen kann.


Montag, 29.8.2011

Sind Sie schon einmal mit Ihrem ganzen Hausrat umgezogen?
Manche Menschen bleiben ihr ganzes Leben an einem Ort, in einer Stadt oder einem Bezirk wohnen. Andere ziehen aus privaten oder beruflichen Gründen öfter um.
Ich gehöre zu dieser Gruppe. Vor kurzem haben meine Frau und ich unser Hab und Gut in Umzugskartons verpackt und sind mit unserer kleinen Tochter von Wien nach Oberösterreich gezogen.
Klar ist das ganz schön mühsam, alles einpacken! Aber da fängt es ja schon an: Muss wirklich alles mitgenommen werden? Gibt es nicht viele Dinge, die sich im Lauf der Jahre angesammelt haben, die ich aber längst nicht mehr brauche?
Loslassen können: Gegenstände des Alltags, gebrauchte Küchengeräte, alte Bücher, Urlaubssouvenirs, die nur verstaubt in den Regalen herumstehen. Loslassen können – ich habe wieder einmal festgestellt, wie schwer es mir fällt, eine Auswahl zu treffen. Ich bin eher ein Typ, der dazu neigt, Vertrautes festzuhalten. Aber ich habe auch gemerkt, dass es hilfreich ist, zu fragen: Was ist mir wirklich wichtig, welche Trennung wirkt vielleicht sogar befreiend?
Wahrscheinlich gehört das zu einem neuen Anfang an einem neuen Ort dazu: beschwerlichen Ballast abwerfen, neue Räume schaffen. So werde ich frei für neue Begegnungen, neue Erfahrungen, neue Wege.
Es gibt ja verschiedene Punkte im Leben, an denen wir dazu angestoßen, werden, darüber nachzudenken, was wir im Leben wirklich brauchen, was uns wirklich wichtig ist.
Es muss nicht unbedingt ein Umzug sein.


Dienstag, 30.8.2011

Nichts ist so schwer, wie einen geliebten Menschen loslassen zu müssen. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist von Anfang an geprägt von dieser Spannung zwischen Festhalten und Loslassen. Es beginnt ja schon mit der Geburt. Ein Kind gebären, heißt für die Mutter, es das erste Mal loszulassen. Gleichzeitig braucht es das Neugeborene, dass es festgehalten wird.
Ich werde die Nacht, in der ich unsere Tochter das erste Mal in meinen Armen gehalten habe, nie vergessen. Inzwischen ist Frida zwei Jahre alt.  Am Abend beim Einschlafen braucht sie immer noch eine Hand, an der sie sich festhalten kann. Tagsüber, wenn sie sich stark fühl, läuft sie manchmal alleine los und kümmert sich eine Zeit lang gar nicht darum, ob ihr jemand folgt.
Jede Mutter, jeder Vater tut sich schwer damit, das Kind loszulassen. Aber es gehört eben zur Entwicklung dazu. Wer sein Kind immer nur festhält, tut ihm nichts Gutes damit. 
Kindergarten, Schule, Pubertät – für die Kinder sind das Stationen des Heranwachsens, für die Eltern Stationen des Loslassens. Manchmal freue ich mich darauf, wenn unsere Frida erwachsen sein wird, manchmal macht mich der Gedanke traurig, weil ich weiß, dass ich sie immer mehr loslassen muss.
Die Bibel vergleicht das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen an vielen Stellen mit einer Vater-Kind-Beziehung, manchmal auch mit einem Mutter-Kind-Verhältnis. Die Spannung zwischen Festhalten und Loslassen gibt es ja hier auch. Das Ziel ist ein Leben in Freiheit, dass sich gehalten weiß von einer liebenden Hand.

 

Mittwoch, 31.8.2011

Nichts ist so schwer, wie einen geliebten Menschen loslassen zu müssen. Kinder müssen  irgendwann ihre Eltern loslassen, spätestens dann, wenn diese sterben. Als die Ärzte bei meinem Vater die Diagnose Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium feststellten, war die ganze Familie natürlich sehr betroffen. Es war uns allen klar, dass mein Vater mit dieser Krankheit nicht mehr lange leben würde.
Er selbst konnte oder wollte nicht direkt über die Gefühle sprechen, die ihn bewegten. Eine solche Diagnose verbreitet ja vor allem Ohnmacht, bei den Betroffenen selbst, bei den Angehörigen, aber auch beim medizinischen Personal. Wir haben als Familie damals vor fünf Jahren erlebt, wie schwer es ist, mit einer solchen Situation umzugehen.
Einen geliebten Menschen loszulassen, wenn die Zeit zu gehen gekommen ist – wie macht man das überhaupt? So etwas lernt man an keiner Schule und Universität. Als das Sterben in unserer Kultur noch nicht verdrängt war in besondere Häuser und Räume, als die meisten Menschen im Kreis der Familie gestorben sind, gab es eingespielte Rituale auch für das Loslassen.
Oft konzentrieren sich die Fragen der Angehörigen in der letzten Lebensphase des geliebten Menschen auf medizinische Details. Auch bei meinem sterbenden Vater war das so. Rückblickend denke ich, es wäre für alle Beteiligten heilsamer gewesen, sich auf das Loslassen bewusst vorzubereiten. Als es dann soweit war, haben mir die Psalmen der Bibel und vertraute Lieder dabei geholfen. Ich wünsche uns in solchen Situationen des Loslassenmüssens, dass jede und jeder einen guten Weg dafür findet.

 

Donnerstag, 1.9.2011

Wer in eine andere Stadt oder an einen anderen Ort umzieht, lässt viel zurück.
Meine Familie ist vor kurzem von Wien nach Oberösterreich gezogen. Für mich ist das ein großes Abenteuer. Ich bin eigentlich ein typischer Großstadtmensch. In den letzten Wochen vor dem Umzug war ich innerlich schon sehr mit dem Loslassen beschäftigt.  
Das Abschied nehmen von besonderen Orten ist mir schon als Kind wichtig gewesen. Irgendwie gehört da ja beides dazu: Ich möchte ein bestimmtes Gefühl, eine Erinnerung für mich festhalten, mitnehmen, aber dafür muss ich auch bewusst loslassen können.
In den meisten Religionen gibt es heilige Orte. Heilige Orte sucht man auf, um Kraft für den Alltag zu bekommen, aber man muss sie auch wieder loslassen. In der katholischen Kirche sind es Wallfahrtsorte, zu denen man pilgern kann. Im Judentum ist es der Platz des ehemaligen Tempels in Jerusalem, wo Gott in besonderer Weise anwesend ist, im Islam gehört die Pilgerfahrt nach Mekka zu den religiösen Pflichten. In der evangelischen Kirche gibt es offiziell keine heiligen Orte. Nicht einmal Wittenberg, wo Martin Luther vor knapp 500 Jahren seine Thesen anschlug, gilt als heilig. Ich bin in dieser Hinsicht typisch evangelisch. Weil es keine offiziellen heiligen Orte gibt, muss ich sie mir selber suchen. In Wien habe ich meine persönlichen heiligen Orte losgelassen: die Kaffeehäuser, die Heurigen, die Donauinsel, die Friedhöfe – natürlich auch die Kirchen.
Ich freue mich auf die Entdeckung neuer heiliger Orte in meiner jetzigen Wahlheimat Oberösterreich.  

 

Freitag, 2.9. 2011

Leben in einer festen Beziehung bedeutet ein ständiges Wechselspiel zwischen Festhalten und Loslassen. In der ersten Phase der Verliebtheit steht zweifellos das Festhalten im Vordergrund. Erinnern Sie sich noch daran – oder sind Sie vielleicht gerade verliebt? Als ich meine Frau kennenlernte, wollte ich möglichst viel Zeit mit ihr verbringen, wollte sie nicht loslassen und auch nicht losgelassen werden. Aber irgendwann kommt in jeder Beziehung der Zeitpunkt, wo man spürt, es ist wichtig, auch Zeit für sich selbst zu haben. Wenn ich mein Gegenüber immer nur festhalten will, kann eine Partnerschaft nicht funktionieren. Gegenseitiges Vertrauen bildet die Grundlage jeder festen Beziehung und je stärker dieses  Vertrauen da ist, desto leichter kann ich auch das Loslassen lernen.
Ich habe manchmal den Eindruck, viele Beziehungen scheitern daran, dass dieses Loslassen im Vertrauen nicht gelingt.
Es stimmt eben nicht, dass glückliche Paare ständig aneinander kleben. Loslassen im Vertrauen heißt, dem Gegenüber einen eigenen Freiraum zuzugestehen.
In jeder Partnerschaft, in jeder Ehe gibt es immer wieder natürlich auch Phasen, in denen das Festhalten wieder wichtig wird. Wenn es mir besonders schlecht geht, wünsche ich mir eine feste Umarmung vom meiner Frau. Wenn ich besonders glücklich bin, will ich das Glück mit ihr teilen und es gemeinsam festhalten.
Ich wünsche uns, dass es uns gelingt, das richtige Maß für das Festhalten und das Loslassen immer wieder neu zu lernen, so dass es uns selbst und unserem Gegenüber guttut.

 

Samstag, 3.9. 2011

Wenn man in eine neue Wohnung oder in ein neues Haus umzieht, gibt es viel zu tun.
Regale wollen zusammengebaut, Lampen installiert, Bilder aufgehängt werden.
Ich bewege mich eher selten in der Welt der Baumärkte, aber der Umzug unserer Familie hat mich in den letzten Wochen diese Welt näher kennenlernen lassen. Ich staune, wie viele handwerklich begabte Männer und Frauen  es in Österreich gibt und gebe zu, dass ich manchmal etwas neidisch werde, weil bei mir diese Fähigkeit eher mäßig ausgeprägt ist.
Anleitungen zum Zusammenbau von Regalen oder Schränken machen mich schon beim ersten Anblick nervös, weil ich mir sicher bin, dass ich wieder irgendeine  Schraube vergessen oder ein Brett verkehrt einbauen werde.
Aber dann entwickle ich eben doch den Ehrgeiz, mit all den Bastlern und Bastlerinnen mithalten zu können und möchte, dass das fertige Produkt zum Schluss möglichst perfekt aussieht.
Meistens muss ich aber bald einsehen, dass ich meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werde. Schon wieder habe ich ein Loch an der falschen Stelle gebohrt, schon wieder hängt ein Regal nicht ganz gerade an der Wand.
Ich nehme mir vor, meinen Perfektionsanspruch loszulassen, lasse mich von meiner Frau trösten, dass  das ja alles nicht so schlimm sei, aber es wurmt mich trotzdem.
Im Radio höre ich ein Interview mit einem jungen Dirigenten, der es wunderbar findet, dass er noch nicht perfekt ist, dass er Fehler machen darf. Ich bin dankbar für diese Botschaft zur richtigen Zeit und wünsche mir, dass sie von vielen Menschen beherzigt wird.
Ich bin nicht perfekt und muss es auch nicht sein. Ich darf Fehler machen und freue mich darüber.


Erlösendes Lachen

03 03 2009, 17:07

Lachen ist gesund und Fröhlichkeit kann heilsam sein, das beweisen nicht zuletzt immer wieder die Klinikclowns mit ihren lustigen Einlagen auf der Kinderstation im Krankenhaus. Als ich dort in einem Zimmer vorbei komme, machen sie gerade eine kleine Vorführung. Die drei Kinder, aber auch die anwesende Krankenschwester, lassen sich von diesem Humor gerne anstecken. Selbst in der schwersten Lebenssituation ist das Lachen eine erfrischende Kraftquelle, die wieder neuen Lebensmut gibt. Diese Erfahrung hat sich im Christentum nur sehr langsam verbreitet. Lange Zeit galt das Wort des Kirchenvaters Johannes Chrysostomos, der behauptete, Jesus habe niemals gelacht. Das bezweifle ich, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass zum Beispiel die Hochzeit zu Kana so ganz ohne Lachen gefeiert worden ist. Jedenfalls wird nirgendwo in den Evangelien ausdrücklich erwähnt, dass Jesus gelacht habe. Das Lachen galt in der Kirche lange als sündhafte Dreistigkeit und mangelnder Glaube. Hingegen war das Weinen über diese elende Welt nahezu eine christliche Tugend. So ist der Philosoph und Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche auf den Gedanken gekommen, er würde das Christentum glaubhafter finden, wenn nur die Christen erlöster aussähen.

Humor ist die Freude, die die Welt überwunden hat

Eine Ausnahme im kirchlichen Ernstsein war das so genannte Osterlachen am Ostersonntag, um die Freude über die Auferstehung auszudrücken. Die Gemeinde wurde zu lautem, anhaltendem Lachen ermuntert und die Priester erzählten Witze und komische Geschichten. Unter den Personen der Kirchengeschichte war vielleicht Martin Luther der Mensch mit dem meisten Humor. Nachzuspüren ist das in seinen Briefen und Tischgesprächen. Als ihn ein junger Pfarrer um Rat fragte, wie er bei der Predigt seine Angst vor der Gemeinde überwinden könne, schlug ihm Luther vor, er solle sie sich alle nackt vorstellen. Diese Art Humor lässt sich auch in einem der berühmtesten Sätze Luthers entdecken, mit dem er die Rechtfertigung des sündigen Menschen vor Gott erklärt: Luther riet einem allzu ernsten und nachdenklichen Freund, er solle „kräftig sündigen, doch noch kräftiger glauben“. Die Botschaft, die im Humor steckt und von der er selber lebt, ist die Verkündigung der Weltüberwindung. Glaube und Humor verbindet die Tatsache, dass beide sich mit der Widersprüchlichkeit unseres Lebens befassen. Das Lachen ist unsere Reaktion auf die unmittelbaren Widersprüche des Lebens, beim Glauben geht es um die letzten Widersprüche. In beiden drückt sich die Freiheit des menschlichen Geistes aus, die Wirklichkeit als ganzes zu überblicken.


Das Evangelische Wort

28 01 2009, 13:33

"Wer klopfet an? Oh zwei gar arme Leut! Was wollt ihr dann? Wir suchen Herberg heut…"

Das war jetzt kein Irrtum oder Fehler. Es hat mich zuerst auch irritiert, die Zeilen dieses bekannten Weihnachtsliedes vor kurzem als Überschrift in einer Zeitung zu lesen. Weihnachten ist vorüber, die meisten Tage im Monat Jänner auch und ich versuche, mich in den gewohnten Ablauf des neuen Jahres einzufügen. Ich möchte nicht auf Vergangenes zurückschauen, das gerade erst gewesen ist. Die Zeit der Krippenspiele in den Kirchen, ob modern mit Hallelujasingers oder klassisch - als Josef und hochschwangerer Maria vor dem fremdenfeindlichen Wirt - ist wieder vorbei. Wir gehen weiter im Jahreskreislauf: Auf Weihnachten folgt für Evangelische Christen die Epiphaniaszeit und danach die Passionszeit, die 40 Tage dauert bis zum Osterfest. Das sind unsere Traditionen. Was soll die Rückschau jetzt?

Die Zeilen des so bekannten Liedes haben mich weiter beschäftigt. Es zeigt, dass Menschen auch vor 2000 Jahren hartherzig sein konnten. Über so einen Wirt, der diesen wichtigen Moment nicht erkennt, als Maria und Josef vor ihm stehen, kann ich mich schon ärgern. Auch heute klopfen Menschen an unsere Tür, machen sich bemerkbar, wollen hereinkommen und ihren Platz finden, ihre Herberge. Jetzt ist es an uns, den wichtigen Moment zu erkennen.

Trotz Finanzkrise und wirtschaftlicher Sorgen haben die Österreicher zu Weihnachten besonders großzügig für "Licht ins Dunkel" gespendet. Das freut mich. Ein Student hat mir erzählt, dass er zu Weihnachten bei den Obdachlosen in der so genannten "Gruft" auf der Mariahilferstrasse war und mit ihnen sehr berührende Gespräche geführt hat. Er durfte eine schöne Erfahrung machen, bei der er nicht nur seine Zeit gegeben, sondern auch viel Vertrauen und Lebenserfahrung geschenkt bekommen hat. Das soziale Denken und Handeln kann aber nicht nur auf Weihnachten beschränkt sein. Jeden Tag hören wir von Not, Vertreibung, Flucht und Obdachlosigkeit. Manchmal ist das schon zu viel und überfordernd.

Das Sozialwort des ökumenischen Rates der Kirchen ist dabei eine Orientierungshilfe. Es sieht den Auftrag der Kirchen, dort zu helfen, wo Menschen unterdrückt werden und Not, Armut und Ausgrenzung erleiden. Gerechte Strukturen und Rahmenbedingungen sind Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben. Die Orientierung aus der Sicht des Glaubens verlangt eine Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Lebens. Es sind die Fragen, was dem Menschen, dem Leben und der Schöpfung dient. Die Fragen nach dem Ziel von Arbeit und Wirtschaft. Die Kirchen wollen die Stimme der Stimmlosen sein, die sich für die Integration von Menschen am Rand einsetzen und zu Wort melden, wo immer auch durch gesellschaftliche Entwicklungen Gefahren drohen.
Wie sich das Jahr 2009 entwickeln wird, wissen wir nicht, aber eine positive Lebenseinstellung, getragen von Glaube, Hoffnung und Liebe sind sicher gute Berater beim Weg durch das Jahr.
Dem berühmten mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart wurden drei Fragen gestellt:
Erstens: Welche Stunde ist die wichtigste im Leben?
Zweitens: Welcher Mensch, von allen, die dir begegnen, ist der bedeutendste?
Drittens: Welches Werk ist das notwendigste?
Seine Antwort war: "Die wichtigste Stunde ist immer die gegenwärtige. Der bedeutendste Mensch ist immer der, der gerade vor dir steht. Das notwendige Werk ist immer die Liebe."