Ö1 – Gedanken für den Tag

Mittwoch, 31.8.2011

Nichts ist so schwer, wie einen geliebten Menschen loslassen zu müssen. Kinder müssen irgendwann ihre Eltern loslassen, spätestens dann, wenn diese sterben. Als die Ärzte bei meinem Vater die Diagnose Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium feststellten, war die ganze Familie natürlich sehr betroffen. Es war uns allen klar, dass mein Vater mit dieser Krankheit nicht mehr lange leben würde.
Er selbst konnte oder wollte nicht direkt über die Gefühle sprechen, die ihn bewegten. Eine solche Diagnose verbreitet ja vor allem Ohnmacht, bei den Betroffenen selbst, bei den Angehörigen, aber auch beim medizinischen Personal. Wir haben als Familie damals vor fünf Jahren erlebt, wie schwer es ist, mit einer solchen Situation umzugehen.
Einen geliebten Menschen loszulassen, wenn die Zeit zu gehen gekommen ist – wie macht man das überhaupt? So etwas lernt man an keiner Schule und Universität. Als das Sterben in unserer Kultur noch nicht verdrängt war in besondere Häuser und Räume, als die meisten Menschen im Kreis der Familie gestorben sind, gab es eingespielte Rituale auch für das Loslassen.
Oft konzentrieren sich die Fragen der Angehörigen in der letzten Lebensphase des geliebten Menschen auf medizinische Details. Auch bei meinem sterbenden Vater war das so. Rückblickend denke ich, es wäre für alle Beteiligten heilsamer gewesen, sich auf das Loslassen bewusst vorzubereiten. Als es dann soweit war, haben mir die Psalmen der Bibel und vertraute Lieder dabei geholfen. Ich wünsche uns in solchen Situationen des Loslassenmüssens, dass jede und jeder einen guten Weg dafür findet.

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