Zwischenruf

Kennen Sie jemanden, der freiwillig ins Gefängnis geht?
Ich schon. Ich habe vor ein paar Tagen an einem Seminar teilgenommen.
Das Thema war „Reden und Hören im Gefängnis“. Ich habe da verschiedene Frauen und Männer kennengelernt, die tatsächlich freiwillig ins Gefängnis gehen. Ein ehemaliger Eisenbahner, ein Diplomingenieur, eine pensionierte Pfarrerin machen Besuche bei Menschen, mit denen sie nicht verwandt oder bekannt sind. Sie reden dort mit Betrügerinnen, mit Drogendealern, aber auch mit Mördern. Sie hören zu, welche Probleme die Menschen im Gefängnis haben. „Soll ich mit meinem Freund Schluss machen?“ „Werde ich noch Arbeit finden, wenn ich rauskomme?“ „Wie schaffe ich es, mir ein neues Leben aufzubauen?“
Das sind alles keine Fragen, auf die es einfache und schnelle Antworten gibt. Darüber zu reden, das braucht viel Zeit und Geduld. Es braucht gute Ohren zum Zuhören und ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen.
Manchmal kann mit der Zeit Vertrauen wachsen, so dass die Besucher und Besucherinnen zu wichtigen Ansprechpartnern werden.
Aber es kann auch passieren, dass man enttäuscht wird. Dass es Rückschläge gibt, weil manche Gefangene es gar nicht gewohnt sind, dass Ihnen ein Vertrauensvorschuss entgegengebracht wird.
Ich habe hohen Respekt vor diesen Freiwilligen. Ihr Engagement wird in unserer Gesellschaft meistens nicht sehr wertgeschätzt, anders als etwa die Arbeit bei der Feuerwehr oder beim Roten Kreuz. Das Gefängnis ist kein Ort, wo man sich der Anerkennung und Bewunderung sicher sein kann.
Das Gefängnis ist für die meisten Menschen ein dunkler Ort, mit dem man möglichst wenig zu tun haben will. In den Medien sind Straftäter so lange ein Thema, bis es zum Prozess kommt. Wenn das Urteil einmal gesprochen ist, ist der Fall in der Regel abgehakt. 5 Jahre, 10 Jahre, lebenslang – was bedeutet das konkret? Wie sieht das Leben für die Verurteilten während dieser Zeit aus? Sollen Mörder eine Chance bekommen, ein neues Leben zu beginnen? Welche Unterstützung sollen sie dafür bekommen? Wie groß ist das Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft?
Bei diesen Fragen geht es um Grundsätzliches. Es geht um das Menschenbild. Die Forderung nach Wegsperren mag zwar populär sein, hilft hier aber nicht weiter. Gefangene haben Bedürfnisse nach Begleitung und Zuwendung, sie brauchen jemanden, der ihnen für ihr Leben neue Perspektiven eröffnet.
An diesem Punkt knüpft die Arbeit der hauptamtlichen und ehrenamtlichen Gefängnisseelsorge an. Es geht darum, die Gefangenen als Menschen, als Gottes Geschöpfe wahrzunehmen und ihnen entsprechend zu begegnen.
„Reden und Hören im Gefängnis“. Dieses Seminar hat mich staunen lassen, was da alles möglich ist: Gesprächsrunden über biblische Texte, Trommelworkshops, Filme, die Gefangene über ihre Situation machen.
Das Gefängnis ist nicht nur ein dunkler Ort der Bestrafung. Das Gefängnis ist ein Ort des Lebens unter besonderen Bedingungen.
Das Leben im Gefängnis spielt sich zwischen Warten und Hoffen, zwischen Resignieren und Aufbrechen, zwischen Weinen und Lachen ab. Jeder und jede trägt ein eigenes Paket mit sich herum. Meistens wiegt es ziemlich schwer. Viele Gefangene sind dankbar dafür, wenn es jemanden gibt, der oder die ihnen hilft, dieses Paket zu tragen.
„Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr habt mich besucht.“
Viele Haftentlassene in Österreich können diesem Satz aus der Bibel zustimmen, dank der Arbeit der Gefängnisseelsorge. Die Begleitung, das Tragen der Pakete geht ja nach der Entlassung weiter. Die lang ersehnte Freiheit erweist sich oft auch als eine große Hürde für die Träume und Visionen von einem neuen Leben.
„Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr habt mich besucht.“
Diesen Satz hat einer geprägt, auf dessen Ankunft viele in dieser Adventzeit warten. Er war davon überzeugt, dass einmal Gefallene Gottes Geschöpfe bleiben und alle Menschen auf Zuwendung angewiesen sind.

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