zur Agraria

Liebe Welser und Welserinnen, liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder,
ich möchte heute mit Ihnen hier – mitten auf dem Welser Stadtplatz – über einen Satz aus der Bibel nachdenken. Die Bibel sozusagen hineinsprechen lassen mitten in unsere Stadt. Dieser Satz steht im 1. Petrusbrief. Dort heißt es:
„Und dient einander ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat! Seid gute Haushälter der mancherlei Gnade Gottes!“

Oder mit dem ursprünglichen griechischen Begriff –
Seid gute Ökonomen der mancherlei Gnade Gottes!

Dieser Satz lässt mich aufhorchen. Denn er verbindet zwei Begriffe, die auf den ersten Blick gar nicht so recht zusammenpassen: die Ökonomie und die Gnade. Denn unsere Ökonomie, so erlebe ich es, kommt oft recht gnadenlos daher. Da gibt es nämlich verschiedene Kategorien von Menschen:
Solche, die nichts haben. Und solche, die schon etwas haben. Wer etwas hat, der legt es an. Möglichst gewinnbringend. Damit er nachher noch mehr hat. Oder legt es auf ein Sparbuch. Damit es sicher verwahrt ist. Und was man hat, das behält man möglichst für sich. Man hat es sich schließlich verdient. Und außerdem „Geiz ist geil“ – so lautet einer der wichtigsten ökonomischen Grundsätze unserer Tage.

Und dann gibt es die, die nichts haben. Kein Geld. Keine Bildung. Keine Gesundheit. Die in dieser ökonomischen Rechnung nichts zu geben haben. Die nichts einbringen. Die kommen dann häufig nicht vor. Werden kaum wahrgenommen. Und wenn dann als Negativposten in der gesellschaftlichen Bilanz. Regie führt auf in diesem Schauspiel kein guter Ökonom, sondern ein anonymer Markt, der scheinbar völlig nach seinen eigenen Gesetzen inszeniert. Undurchschaubar für fast alle … . Dieser Markt – so nehme ich es war – hat uns alle ziemlich fest im Griff. Denn es ist wirklich schwer, sich dieser ökonomischen Dynamik zu entziehen. Sie erzeugt Neid und Angst. Neid auf andere, die es besser – sprich mehr – haben… und Angst, dass mir das, was ich habe, bald genommen werden könnte … . Diese Gefühle sitzen irgendwo tief, so vermute ich, in jedem und jeder von uns.
Die anderen werden in dieser gnadenlosen Ökonomie zu potenziellen Diebinnen und Räubern. Zu Menschen, die nichts geben, sondern etwas wegnehmen. Ich nenne ein paar Beispiele:
Migranten und Migrantinnen werden sind dann zu Menschen, die Arbeit stehlen, Wohnungen und Kultur.
Arbeitslose werden unter diesen ökonomischen Prämissen zu Menschen, die das Sozialsystem ausnutzen und von der Arbeitslosenunterstützung ja ohnehin viel zu gut leben.
Kinder rauben die wohlverdiente Ruhe.
Und die Pensionisten verprassen jetzt das Kapital zukünftiger Generationen.

Seid gute Ökonomen der mancherlei Gnade Gottes
Die Bibel ist davon überzeugt: Ökonomie und Gnade haben etwas miteinander zu tun. Sie entwirft damit ein Gegenbild zu unserer oft so gnadenlosen Ökonomie.

In der Ökonomie der Gnade Gottes gibt es keine Kategorien von Menschen. Da haben nämlich alle Menschen etwas.
Etwas, das sie nicht selbst verdient haben. Sondern das ihnen geschenkt wurde. Aus Gnade – so sagt es die Bibel. Das heißt gratis. Umsonst. Einfach so.
Jeder – egal ob kreditwürdig oder nicht – hat Gaben.
Jede – egal, wie sie ist und was sie tut – ist begabt.
Jeder nimmt etwas ein, und hat etwas zu geben.
Die gute Ökonomie der Gnade beginnt – davon bin ich überzeugt – mit der Wahrnehmung der anderen. Sie beginnt dort, wo wir andere nicht in erster Linie als Diebinnen und Räuber der ohnehin viel zu knappen Ressourcen sehen. Sondern als begabte Menschen, die das eigene Leben bereichern. Mit ihren vielfältigen Gaben.
Denn jede und jeder hat etwas anderes zu geben.
Gottes Gnade ist mancherlei, so sagt es die Bibel. Das heißt sie ist bunt, kunterbunt.

Aus dieser Perspektive werden Migranten und Migrantinnen zu Mitmenschen, die uns zeigen, dass man auch anders leben kann, als wir es gewohnt sind.
Arbeitslose zu BürgerInnen, die uns zeigen, wie viel ein Leben wert ist, das nicht unter dem Vorzeichen der Leistung steht.
Kinder zu lebenserfrischende Energiespendern, die auch noch lächeln, wo viele Erwachsene nur herumgranteln.
Und Pensionisten zu Vorbildern, die uns vorleben, wie man in Würde alt werden kann.

Die gute Ökonomie der Gnade Gottes beginnt mit der Wahrnehmung der anderen.

Und noch etwas Zweites ist wichtig, wenn wir als gute Ökonomen und Ökonominnen leben wollen. Das einbringen, was wir haben.
Unsere Gaben und Ressourcen nicht auf ein Sparbuch legen. Einzäunen.
Damit sie uns niemand wegnehmen kann. Sondern, einander mit diesen Gaben dienen, wie es die Bibel sagt. Das heißt: sich einbringen ohne zuerst zu fragen, was es denn einbringt. Sich investieren ohne dabei zuerst an Gewinnmaximierung zu denken. Und hier komme ich nun zum Ehrenamt. Denn ehrenamtlich tätige Menschen – so würde ich es sagen – sind gute Ökonominnen und Ökonomen der Gnade Gottes.
Sie buchstabieren die Gnade Gottes hinein in unsere Stadt. Denn sie bringen sich ein in unsere Gesellschaft. Mit ihren Gaben. Und zwar aus Gnade. Das heißt: Umsonst. Gratis. Einfach so. Und sie zeigen uns dabei allen, wie bunt Gottes Gnade ist. Wie kunterbunt. Wie viele verschiedene Begabungen es gibt.

Ich nenne nur schlaglichtartig einige Beispiele.
Sanitäter, die Leid und Blut sehen können und auch in dKrisensituationen handlungsfähig sind.
Musikerinnen, die nicht nur für sich zu Hause spielen, sondern die Musik in unsere Stadt hinein tragen.
Besuchsdienste in Krankenhäusern und Altenheimen, wo Männer und Frauen Fremden ihre Zeit und ein offenes Ohr schenken.
Oder meine Nachbarin, die jeden Mittwoch Nachmittag auf die kleine Tochter der anderen Nachbarin aufpasst, weil sie sieht, wie sehr die andere im Beruf beansprucht wird.

„Und dient einander ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat! Seid gute Haushälter der mancherlei Gnade Gottes!“
Ich wünsche mir, dass dieser Satz hinein klingt in unsere Stadt.
Dass hier in Wels die Ökonomie der Gnade Gottes spürbar wird.
Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, uns selbst und andere als Begabte wahrnehmen.
Und ich wünsche mir, dass immer mehr Menschen diese Gnade hineinbuchstabieren in ihr Leben, in unsere Stadt. AMEN

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